Dorfleben 2.0 dank Digitalisierung

In der Trendforschung heißt es, dass jeder Trend eine Gegenbewegung erzeugt. Das gilt auch für die Urbanisierung. Vor allem junge Menschen ziehen in die Städte, um ihre akademische Ausbildung an den Universitäten oder Fachhochschulen zu machen, Jobs zu finden und das vielfältige Angebot an Kultur, Gastronomie und Events der Großstadt wahrzunehmen. Es wird zunehmend voller in den Metropolen. Laut Prognose der UN werden im Jahr 2050 knapp 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, in Deutschland sollen es sogar fast 85 Prozent sein.

Gefrustet vom Leben in der Großstadt

„Der enorme Zuzug stellt die deutschen Großstädte vor große Herausforderungen. Einerseits muss zügig neuer Wohnraum geschaffen, zugleich aber auch die soziale und die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut werden, um die Funktionsfähigkeit zu gewährleisten“, sagt Rainer Schorr, Geschäftsführer der PRS Family Trust GmbH. „Da die Bauaktivitäten jedoch nicht mit dem Bevölkerungsanstieg Schritt halten konnten und können, haben sich die Wohnkosten in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Bei vielen Stadtbewohnern führt das zu Frust.“ Und hier setzt so langsam der Gegentrend zur Urbanisierung ein: die Lust am Leben auf dem Land.

Selbstverwirklichung im Smart Village

Normalerweise führt der Weg aus der Stadt in eine gut angebundene Klein- oder Mittelstadt im jeweiligen Umlandgebiet. Doch dank Digitalisierung zeigt sich ein neues Phänomen: Umzugswillige Großstädter, die in wissensintensiven Berufen ortsunabhängig arbeiten können, schließen sich in Kommunen zusammen und ziehen gemeinsam aufs Dorf. Eine Studie mit dem Titel „Urbane Dörfer – Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann“ vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sowie neuland21 hat im Umland von Berlin 18 dieser neuen Wohngemeinschaften beobachtet. Neben der Enge und dem Frust über die Großstadt spielt die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung auf dem Dorf für die neuen Landbewohner eine zentrale Rolle. Deswegen ziehen diese Kommunen 2.0 nicht in Neubauten, sondern in alte, baufällige Gebäude, wie Fabriken, Mühlen, Krankenhäuser oder Klosteranlagen, um diese zu sanieren und nach ihren Vorstellungen umzubauen.

Chance auf Wachstum für Dörfer

Für den gebeutelten ländlichen Raum, der seit Jahren unter Abwanderung leidet, ergibt sich dadurch die Chance zur Stabilisierung. „Ein konsequenter Ausbau der digitalen Infrastruktur birgt großes Potenzial, den Niedergang des ländlichen Raums zu stoppen. Es handelt sich bei den Smart Villages zwar bisher nur um einzelne, digitale Inseln. Doch ist dies der erste Schritt auf dem Weg, das Landleben für die Menschen wieder attraktiver zu machen und kann den Weg zum Dorf der Zukunft weisen“, so Schorr. Ein ähnlicher Aufwertungsprozess wie in ehemals heruntergekommenen innerstädtischen Vierteln ist also auch außerhalb der Großstadt denkbar und zuweilen bereits zu beobachten. Dörfer wachsen wieder, es werden neue Wohnungen und Infrastruktur gebaut. Und wer weiß, vielleicht wird das nächste SAP ja nicht in einem baden-württembergischen, sondern einem brandenburgischen Dorf gegründet.

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